“Niemand hier kann eine Stimme haben”: Postkoloniale Perspektiven auf Mündlichkeit und Schriftlichkeit in der deutschsprachigen Gegenwartsliteratur
Info
Im Kontext postkolonialer Theorien ist die Frage nach der Repräsentation fremdkultureller Stimmen von besonderer Brisanz.
Die Studie untersucht Texte von Ilija Trojanow, Thomas Stangl, Urs Widmer und Lukas Bärfuss daraufhin, inwiefern sie die spezifisch mediale Komponente dieses Repräsentationsproblems reflektieren. Im Fokus steht zum einen der Status von Mündlichkeit als Chiffre kultureller Fremdheit und ihr Verhältnis zu ,europäischer’ Schriftlichkeit in kolonialen Diskursen. Zum anderen geht es um die prinzipiellen Möglichkeiten einer interkulturellen, intermedialen und ästhetischen Pluralisierung von Stimmen in der deutschsprachigen Gegenwartsliteratur.
Inhalt
Einleitende Vorüberlegungen
1.1 Nur vom ‚Hörensagen‘? Zum Verhältnis von Schriftlichkeit und Mündlichkeit in der Gegenwart
1.2 Schriftlichkeit, Mündlichkeit und das Projekt einer postkolonialen Kanonrevision
1.3 Schriftlichkeit und Mündlichkeit als Marker kultureller Differenz
1.3.1 Aufwertung von Schriftbesitz vs. ‚Schriftlosigkeit‘ in kolonialen Diskursen
1.3.2 Die methodische Fixierung der Kategorien: Technologischer Determinismus
1.3.3 Zur phonozentristischen Aufwertung von Mündlichkeit
1.4 Schriftlichkeit und Mündlichkeit in der Analyse deutschsprachiger Gegenwartsliteratur
1.5 Fingierte Mündlichkeit und postkoloniale Polyphonie
1.6 Aufbau
2 Auf Songlines nach Nosucks: Urs Widmers Liebesbrief für Mary
2.1 Einführung
2.2 Europäisches Schreiben als Kampf um Diskurshoheit
2.3 Nosucks und Nobooks: Das australische Outback als schriftloser Ort
2.4 Mündlichkeit intertextuell – Songlines vs. Schriftlichkeit
2.5 Zur Ausstellung rassistischer Klischees
2.6 „Ohrenzwänge“ – Die Songline als Bedrohung europäischer Integrität?
2.7 Europäische Mündlichkeit, Gewalt, Geschlechterbeziehungen
2.8 Helmuts Brief: Zwischen Mündlichkeit und Schriftlichkeit, zwischen ‚Eigenem‘ und ‚Fremdem‘
2.8.1 Unzuverlässiges Erzählen oder fingierte Mündlichkeit?
2.8.2 Postkolonial oder postmodern? Die Fremdsprachlichkeit des Briefs als Provokation klarer Grenzziehungen
2.8.3 Das Problem der Übersetzung: Das Missverständnis als poetologisches Prinzip?
2.9 Abschlussbemerkung
3 „Worte der Gewalt“: Lukas Bärfuss’ Hundert Tage
3.1 Einführung
3.2 Das Afrikabild des Protagonisten: Ein Resultat seiner Lektüren
3.3 Mündlichkeit als Kennzeichen ‚afrikanischer Authentizität‘?
3.4 Die andere Seite der Oralität: Überlieferung, Radiopropaganda, Völkermord
3.4.1 Geschichtschreibung vs. Geschichtserzählung
3.4.2 Oralität als Medium des Völkermordes: Radiopropaganda und Popmusik
3.5 „Und wie sie sangen!“ Oralität zwischen Pathologie und Poesie
3.6 Die koloniale Rolle der Schrift
3.6.1 Schrift und Genozid
3.6.2 Intertextualität und Kanonrevision Conrad und Co
3.7 Abschlussbemerkung
4 „nicht so überzeugend an[zu]hören“?: Ilija Trojanows Der Weltensammler
4.1 Einführung
4.2 Die Initialzündung: Ein programmatischer Prolog
4.3 Indien: Ästhetik und Versuchung
4.3.1 Die Ästhetik des Medienwechsels: Die Geschichten des Schreibers des Dieners des Herren
4.3.2 Interkulturelles Lernen zwischen Schriftlichkeit und Mündlichkeit
4.3.3 Die Erotisierung weiblicher Mündlichkeit – Zur Aktualisierung des Sheherezade-Motivs
4.3.4 Von der Karte in den Klangraum
4.4 Arabien: Religion und Politik
4.4.1 Zur Kritik des (prä-)kolonialen Reiseberichts
4.4.2 Kolonisatorisches Schreiben und Poetik des Reiseberichts
4.4.3 Oralität und Islam – von der Heiligen Schrift zur Heiligenlegende
4.5 Ostafrika: Geschichte und Identität
4.5.1 Kolonisatorische Selbst- und Fremdbeschreibung
4.5.2 „Hört zu, meine Brüder“ – Fingierte ostafrikanische Mündlichkeit
4.5.3 Zur Dekonstruktion europäischer und afrikanischer Festschreibungspraktiken
4.6 Zum Problem der Stimme und zur interkulturellen Intertextualität
4.7 Abschlussbemerkung
5 „wie die Wörter hinwegdrängen über die fremde Stimme“: Thomas Stangls Der einzige Ort
5.1 Einführung
5.2 Europäisches Schreiben
5.2.1 Die Rolle des Schreibens im (vor-)kolonialen Kontext
5.2.2 Die Schwäche des europäischen Schreibens – Europäisches Schreiben als Schwäche
5.2.3 Beschrieben werden: Der Reisende als passive Schreibfläche
5.3 Intertextualität
5.3.1 Koloniales (Zer-)Schreiben und Identitäts(de-)konstruktion: René Caillié und Robinson Crusoe
5.3.2 Schrift, Kolonialismus und Geschlecht: Alexander Gordon Laing und Melmoth the Wanderer
5.4 Die ‚Anderen‘ als Schweigende, Schreibende und Sprechende
5.4.1 Die verschwiegene Frau: Der Ausschluss weiblicher Figuren aus dem Schriftverkehr
5.4.2 Fremdkultureller Schriftgebrauch: Koran und Schrift
5.4.3 Oralität, Religion und Alltagskultur
5.4.4 Mündliche Quellen, „stumme Blicke, eine notwendige Feindseligkeit“
5.5 Orale ‚Affizierung‘
5.5.1 Europäische Mündlichkeit als pathologisches Problem
5.5.2 Intertextuelle Polyphonie als Oralität?
5.6 Abschlussbemerkungen
6 Fazit
6.1 Schluss
6.2 Ausblick
7 Literaturverzeichnis
